Kurzgeschichten

Mit "Morgentot" starten wir eine Serie von kleinen Geschichten, die wir in lockerer Folge erweitern möchten.
Nicht nur eigene Texte sondern auch Beiträge von Fremdautorinnen und Autoren möchten wir veröffentlichen: Besinnlich bis heiter, spannend bis abenteuerlich – überraschen Sie uns mit Ihren Beiträgen.

Wir hoffen, unsere erste Geschichte findet Anklang und freuen uns auf Ihre Kommentare.
Wenn Sie uns einen Text schicken möchten, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

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Morgentot

von Udo Luh


»Morgen töte ich dich, Gans.«
»Morgen schon, Bauer?«
»Ja, es ist soweit.«
»So, morgen schon.«
»Ja doch.«
»Wann ist es bei Dir soweit, Bauer?«
»Was meinst du damit?«
»Na, wann wirst du getötet?«
»Ich werde gar nicht getötet, Gans.«
»Und warum ich?«
»Du weißt doch, wir werden dich essen.«
»Habt ihr nichts anderes zu essen?«
»Gans, ich habe dich dafür aufgezogen, das ist deine Bestimmung.«
»Und was ist deine Bestimmung, Bauer?«
»Meine Bestimmung ist, Gänse zu züchten.«
»Und zu töten?«
»Ja, auch.«
»Also morgen schon. Dann hatte ich wohl kein langes Leben, Bauer.«
»Aber du hattest ein gutes Leben.«
»Meinst du?«
»Ja Gans, du hattest es gut bei mir: viel Auslauf, immer reichlich gutes Futter und du musstest keine Angst vor dem Fuchs haben.«
»Vor dem Fuchs?«
»Ja, ohne dein sicheres Gehege hätte der Fuchs dich längst geholt.«
»Und dann?«
»Dann hätte er dich gefressen.«
»Na ja, ob mich nun der Fuchs frisst oder …«
»Oder der Marder!«
»Der Marder?«
»Der saugt den Gänsen das Blut aus. Würde dir das gefallen?«
»Ob der Marder mich aussaugt oder du mir den Kopf…«
»Gans, jetzt ist genug. Sei doch froh, du bist etwas Besonderes, du bist eine Martinsgans.«
»Was heißt das schon, Bauer? Rettet mich das etwa?«
»Nein, aber stell dir vor, alle freuen sich schon auf dich.«
»Du meinst auf mein schönes Fleisch, stimmt’s?«
»Ja, das stimmt. Und auch…auf die knusprige Haut und…«
»Aber meine Haut ist nicht knusprig.«
»Morgen schon, Gänschen.«
»Bauer?«
»Ja?«
»Ich bin sehr gerne mit meinen Geschwistern über die Wiese gelaufen. In unserem Gehege.«
»Ja, du hattest es gut.«
»Bauer?«
»Ja?«
»Wie sieht dein Gehege aus und wer gibt dir Futter?«
»Ich habe kein Gehege und mein Futter bist du.«
»Und wenn du mit deinen Geschwistern in einem Gehege leben würdest. Und es käme eines Tages einer und würde sagen: morgen töte ich dich, Bauer?«
»Gans, das ist Unsinn. Ich bin nun mal der Bauer und du mein Futter und nicht umgekehrt.«
»Aber wenn es anders herum wäre?«
»Ist es aber nicht.«
»Stell dir vor, es ist doch so und du weißt es nur noch nicht und eines Tages kommt…«
»Schluss jetzt, Gans! Ich gehe jetzt.«
»Bauer, eine Frage noch.«
»Na gut.«
»Wer ist denn Martin?«
»Wer ist wer?«
»Na, ich denke, ich bin eine besondere Gans – eine Martinsgans. Kannst du diesen Martin nicht mal holen? Ich möchte mit ihm reden.«
»Sankt Martin war ein Heiliger und ist schon längst tot.«
»Hast du ihn auch getötet und gegessen, Bauer?«
»Nein, Gans. Ich töte keine Menschen und essen tue ich sie schon gar nicht.«
»Aber Gänse.«
»Ja.«
»Bauer?«
»Ja, was noch?«
»Warum war dieser Martin ein Heiliger?«
»Er hat Gutes getan.«
»Für Gänse?«
»Er war barmherzig zu seinen Mitmenschen.«
»Das heißt?«
»Na, er hat nur das Nötigste für sich selbst behalten und sein Geld armen und kranken Menschen gegeben.«
»Und Gänsen hat er das Leben gerettet?«
»Nein Gans, das hat er nicht.«
»Und was hab ich dann mit diesem Martin zu tun?
»Er heißt St. Martin. Und der Tag zu seinen Ehren ist der St. Martins-Tag am 11. November.«
»Und?«
»Du nervst mit deinen Fragen Gans.«
»Darf ich jetzt nicht mal etwas fragen, wo ich doch morgen sterben soll?«
»Also gut, ich erzähle es dir. Nach dem St. Martins-Tag begann früher die vorweihnachtliche Fastenzeit und so hat man vorher nochmal einen schönen fetten Braten verzehrt.«
»Eine schöne fette Gans wie mich, ja?«
»Ja.«
»Und in der Fastenzeit gabs keine Gans, Bauer?«
»Nein.«
»Das heißt, wenn du mich morgen nicht tötest, darf ich noch weiterleben?«
»So ungefähr 40 Tage. Aber…«
»Dann nimm doch eine andere Gans, Bauer!«
»Du meinst, einer deiner Geschwister soll anstatt deiner sterben?«
»Hmm...«
»Gans, hör zu: bis spätestens Weihnachten sind alle Gänse hier auf dem Hof geschlachtet und verkauft. Das ist eure Bestimmung, hab ich doch schon gesagt.«
»Stimmt. Aber sag bitte nicht »schlachten«, das Wort gefällt mir nicht.«
»Gut.«
»Bauer?«
»Ja, Gans?«
»Ich wäre lieber eine Weihnachtsgans, die leben 40 Tage länger. So ungefähr jedenfalls.«
»Gans, es hilft nichts, du bist morgen dran. Die Bäuerin hat dich ausgesucht.«
»So, die Bäuerin war das.«
»Ja.«
»Kann ich mal mit der Bäuerin reden?«
»Nein.«
»Schade. Welche Gans hättest du denn genommen, Bauer?«
»Mir wäre egal welche.«
»Hmm…«
»Was meinst du, Gans?«
»Warum wäre es dir egal, Bauer?«
»Na ja, ich mache mir eigentlich nicht so viel aus Gans. Ich mag lieber Pute.«
»Also tötest du mich, obwohl du es eigentlich nicht willst und ich dir noch nicht mal schmecken werde?«
»So kann man das nicht sagen.«
»Warum tötest du denn keine Pute, wenn du die lieber magst?«
»Aus Tradition gibt es eben Gänsebraten zu St. Martin.«
»Das heißt, du tötest aus Tradition?«
»Ruhe jetzt, Gans! Früher oder später bist du eh dran.«
»Du auch Bauer.«
»Sicherlich.«
»Wenn es bei dir soweit ist, dann denke an mich und unser Gespräch, Bauer.«
»Wenn es dir hilft, Gans.«
»Nein, mir wird es nicht mehr helfen, aber vielleicht dir.«


Veröffentlicht: 15 November 2014
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